“KI-basiertes Telemonitoring ist die Zukunft”
Im folgenden Interview gibt Dr. Panorea Styllou vom Isar Herzzentrum am Isar Klinikum in München spannende Einblicke in ihre Erfahrungen mit Remote Patient Monitoring (RPM), den Nutzen für Patienten und Mediziner und die Zukunft der digitalen Kardiologie.
Zur Person
Dr. med. Panorea Styllou ist Fachärztin für Kardiologie sowie Fachärztin für Innere Medizin. Sie besitzt die Zusatzbezeichnungen Notfallmedizin, Sportmedizin und Ernährungsmedizin und verfügt über zahlreiche Zusatzqualifikationen wie Sportmedizin, Prävention, Herzinsuffizienz und interventionelle Kardiologie. Als Leiterin der Chest Pain Unit, des Herzkatheterlabors, der internistischen Intensivmedizin sowie der Schrittmacher-Ambulanz beschäftigt sie sich täglich mit der Diagnose und Behandlung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen – insbesondere mit Herzinsuffizienz. Neben ihrer klinischen Tätigkeit engagiert sie sich aktiv in verschiedenen Fachgesellschaften, unter anderem in der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und ist Mitglied der European Society of Cardiology (ESC), des Bayerischen Sportärzteverbands e.V. (BSÄV) sowie der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention e.V. (DGSP).
Foto: Dr. Panorea Styllou, (c) Isar Klinikum München
Frau Dr. Styllou, Sie betreuen täglich Patienten mit Herzinsuffizienz. Welche Herausforderungen sehen Sie in der klassischen Behandlung dieser Patienten, und wie kann Remote Patient Monitoring hier unterstützen?
Die Herausforderung in der klassischen Behandlung dieser Patienten liegt unter anderem in den langen Zeiträumen zwischen den Vorstellungen vor Ort beim Arzt. Oft vergehen Wochen oder sogar Monate zwischen diesen Terminen, wodurch für den Arzt eine Art „Blackbox“ entsteht. Gesundheitsprobleme werden dadurch häufig erst spät erkannt, was zu einer reaktiven statt einer proaktiven Behandlung führt. Anpassungen wie neue Medikamente, Änderungen der Dosierung oder Umstellungen der Medikation müssen individuell auf Basis des Befindens des Patienten sowie seiner Blutwerte und Blutdruckwerte erfolgen. Eine individualisierte Medizin erfordert jedoch eine schnelle und lückenlose Versorgung.
In der Medizin und Forschung gibt es die so genannte “Gender-Health-Gap”, die besagt, dass die Behandlung von Frauen und Männern sich unterscheidet, auch aufgrund der nach wie vor fehlenden Daten rund um das Thema Frauengesundheit. Wie begegnet Ihnen dieses Phänomen im Klinikalltag und was wird bereits unternommen, um diese Lücke zu schließen und Frauen besser kardiologisch zu versorgen?
Trotz der schon lange bekannten geschlechterspezifischen Unterschiede in der Medizin sind Frauen weiterhin in wissenschaftlichen Untersuchungen, klinisch-pharmakologischen Studien, interventionellen Studien, sowie in grundlagenwissenschaftlichen Untersuchungen unterrepräsentiert. Frauen sind bei Diagnosestellung und Therapiebeginn älter und kränker, was die Komplikationsrate erhöht und die Krankenhaussterblichkeit steigert. Ein typisches Beispiel in der Kardiologie ist der Herzinfarkt: Frauen haben nach einem Herzinfarkt deutlich schlechtere Überlebenschancen als Männer. Das liegt auch daran, dass sie oft atypische Symptome haben oder auch die Beschwerden nicht ernst genommen werden. (Anmerkung SEMDATEX: Zu den typischen Herzinfarkt-Symptomen bei Frauen lesen Sie hier mehr)
Es ist wichtig, sich nicht nur auf Ärzte und Pflege in den Kliniken bezüglich eines besseren Outcomes zu begrenzen. Auch im vorklinischen Bereich muss das Bewusstsein geschärft werden, bei Mitarbeitern in Notfall- und Intensivmedizin, Rettungssanitäter, Notfallsanitäter, Paramedics. Aufklärung, stetige Fort- und Weiterbildung aller Berufsgruppen in der Medizin sind unerlässlich um auch beim Thema “Gender-Health-Gap” durch Zeitverlust bei Diagnose und Therapie keinen Nachteil bei den Frauen zuzulassen.
Sie nutzen die inCareNet-Lösung für das Fernmonitoring. Wie hat sich der Einsatz dieser Technologie auf den Behandlungsalltag und die Patientenversorgung in Ihrer Klinik ausgewirkt?
Fernmonitoring durch inCareNet hat sich als fester Bestandteil unseres Versorgungsalltags im Isar Herzzentrum entwickelt. Objektive und subjektive Daten werden erfasst und ausgewertet. Bei uns wird individualisierte Medizin gelebt. Es ist ein weiteres Puzzleteil, welches das Bild der Versorgung von Herzinsuffizienz Patienten ergänzt, optimiert und komplettiert. Wir haben bereits einige kardiale Dekompensationen und Hospitalisation dadurch vermeiden können.
Welche klinischen Parameter sind für das Monitoring von Patienten mit Herzinsuffizienz besonders wichtig, und wie hilft Ihnen inCareNet bei der frühzeitigen Erkennung von Verschlechterungen?
Der Schlüssel des Erfolgs ist hier die lückenlose ärztliche Betreuung sowie die schnelle Erkennung und Reaktion auf Verschlechterungen der Herzinsuffizienz. Bildlich gesprochen ist der Arzt täglich an der Seite des Patienten und wertet seine tagesaktuellen Daten aus. Dies noch bevor Beschwerden auftreten, wenn erste Anzeichen anhand der Werte erkennbar werden oder wenn Symptome noch gering sind.
Je nachdem ob der Patient externe Sensoren (Personenwaage, Blutdruckmessgerät, EKG-Rekorder) nutzt oder er Träger eines ICD und/oder CRT ist, können verschiede Daten übertragen und ausgewertet werden. Bei den externen Sensoren werden Gewicht, Herzfrequenz, Blutdruck und das EKG des Tages übermittelt. Das EKG kann der Patient ganz einfach selbst schreiben durch Auflegen des Rekorders.
Aufmerksam werden wir Kardiologen vor allem bei Gewichtszunahme, Anstieg der Herzfrequenz, niedrigem Blutdruck, oder Auftreten von Herzrhythmusstörungen wie z. B. Vorhofflimmern im übermittelten EKG. Wir im Telemedizin Zentrum (TMZ) werten alles aus und kontaktieren den Patienten telefonisch. Medikamente können unmittelbar angepasst werden und wir sehen sozusagen sofort bzw. oft schon am nächsten Tag die Effekte. Bei Patienten, welche Träger eines ICD und/oder CRT sind, ist die Übertragung noch einfacher. Herstellerunabhängig haben wir spezielle Algorithmen, wo auffällige Parameter wie bösartige Herzrhythmusstörungen, auffällige Sonden-Werte, niedriger Batteriestatus oder gar Schockabgaben übermittelt werden. So werden rasch Gegenmaßnahmen getroffen, der Patient muss (noch) nicht zum Arzt kommen und Krankenhausaufenthalte können vermieden werden. Die dadurch vermiedenen finanziellen Kosten im Gesundheitssystem sind enorm und aktuell ein brandheißes Thema. Jedoch darf man nicht außer Acht lassen, dass neben Lebensqualität auch das Überleben des Patienten im Raum steht. Denn jede kardiale Dekompensation und Hospitalisation triggert die Negativspirale und erhöht die kardiale Mortalität.
Wie erleben Ihre Patienten das Fernmonitoring? Gibt es Rückmeldungen zu mehr Sicherheit oder einer besseren Lebensqualität durch das kontinuierliche Monitoring?
Nach der Indikationsprüfung erfolgt bereits im Rahmen der Aufklärung und Einwilligung des Patienten - auch in den Datenschutz - ein ausführliches Gespräch über Vorteile des Telemonitorings. So können mögliche Bedenken rasch ausgeräumt werden. Es kommen nur anonymisierte Daten in die Plattform und allein das Telemedizin Zentrum (TMZ) kann den jeweiligen Patienten identifizieren.
Patienten profitieren durch das Telemonitoring gleich mehrfach: Durch die bequeme, automatische Übermittlung ihrer Daten, eine Optimierung der Versorgung durch Übertragung auch außerhalb der Sprechzeiten, mehr Selbstsicherheit (Patienten-Empowerment), bessere Symptomkontrolle, mehr Verständnis für die eigene Erkrankung, Reduzierung bzw. Vermeidung von Krankenhausaufenthalten, bessere Lebensqualität, sowie letztlich eine Senkung der Sterblichkeit.
Welche Herausforderungen bestehen noch bei der Implementierung und Nutzung von Remote Patient Monitoring, beispielsweise hinsichtlich Akzeptanz, Datenschutz oder Integration in bestehende Versorgungsstrukturen?
Leider wird Remote Patient Monitoring (RPM) immer noch zu wenig genutzt. Es besteht immer noch unzureichende Aufklärung bei Ärzten (niedergelassene Kardiologen oder Hausärzte), jedoch auch die Skepsis gegenüber digitalen Medien und auch fehlende finanzielle Anreize. Auch der Fachkräftemangel in der Medizin spielt hier eine Rolle - dieser besteht nicht erst seit der COVID-19-Pandemie. Zu bedenken ist bzgl. Integration in bestehende Versorgungsstrukturen, dass auch Patienten, die nicht in Ballungsräumen leben, sondern in ländlichen Gebieten wo die Ressource Arzt und medizinische Versorgung nur schwer und mühsam erreicht werden gleich schnell und einfach betreut werden. Telemedizin gleicht Versorgungsunterschiede bei Patienten in strukturschwachen Gebieten aus was einen wichtigen sozialen Aspekt darstellt.
Die Digitalisierung im Gesundheitswesen schreitet stetig voran. Wie sehen Sie die Zukunft der Telemedizin, besonders in Bezug auf kardiovaskuläre Erkrankungen und deren Prävention?
Die Digitalisierung hat in unser aller Leben und natürlich auch im Gesundheitswesen Einzug gehalten. Wir sehen uns mit einer Flut an Daten konfrontiert. Jedoch nicht das Sammeln von Daten ist der springende Punkt sondern die Validierung dieser und die daraus resultierenden therapeutischen Konsequenzen. Telemedizin ist ein Tool und soll nicht das ärztliche Denken und die ärztliche Therapieentscheidung ersetzen. Nichtsdestotrotz ist KI-basiertes Monitoring die Zukunft. Im Hinblick auf die zunehmende Ressourcenknappheit ist künstliche Intelligenz der Schlüssel zur Verarbeitung und Verwertung der Massen an Daten die uns im Gesundheitssektor wie eine Lawine überrollen.
Daher sollte Telemonitoring nicht nur als Möglichkeit gesehen werden, sondern als notwendiger Bestandteil in der Medizin. Nicht nur die Herzinsuffizienztherapie profitiert von Telemonitoring, nahezu jede kardiovaskuläre Erkrankung bietet die Möglichkeit der telemedizinischen Optimierung. Auch bei psychischen Erkrankungen wie Depression, Stoffwechselkrankheiten wie Adipositas oder Diabetes mellitus, bei Migräne oder in der Teleradiologie wird Telemedizin schon längst genutzt. Telemedizin hat schon längst auch in der Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen Einzug gehalten. Wir erleben, dass Menschen – (noch) keine Patienten - ihre Werte tracken ob mittels Schrittzähler, im Sport, im Schlaf. Immer mehr nutzen Gesundheits-Apps (DiGA) im Bereich Wellness, Sport oder Lifestyle. Das Potential ist riesig und sollte genutzt werden.