Herzgesundheit bei Frauen: Prävention und Innovation im digitalen Zeitalter - ein Interview mit Beatrix Jasper

Im folgenden Interview spricht Beatrix Jasper, Expertin für kardiologische Medizintechnik mit jahrelanger Erfahrung, über die besonderen Herausforderungen der Herzgesundheit bei Frauen. Sie beleuchtet geschlechtsspezifische Unterschiede in der Diagnostik und Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zeigt auf, wie Telemonitoring zur besseren Versorgung beitragen kann. Lesen Sie hier mehr über die Bedeutung von Prävention, frühzeitiger Aufklärung und technologischer Unterstützung für Herzpatientinnen.


Zur Person

Beatrix Jasper ist eine erfahrene Expertin im Bereich der kardiologischen Medizintechnik. Mit ihrer langjährigen internationalen Tätigkeit hat sie innovative Produkte in verschiedenen Märkten erfolgreich eingeführt und neue Absatzgebiete für ihren Arbeitgeber erschlossen. Als zertifizierte Business Coach nutzt sie maßgeschneiderte Methodiken, um gemeinsam mit ihren Klienten deren persönliche Ressourcen zu erarbeiten und zielorientiert einzusetzen. Ihr Coaching-Ansatz ermöglicht es, emotionales und kognitives Selbstmanagement zu fördern sowie individuelle Wünsche und Motivationen aufzudecken. Besonders engagiert sie sich für die Sichtbarkeit und Individualität von Frauen in der Medizintechnik, sowohl in therapeutischen Bereichen als auch in Bezug auf die Einflussnahme in Unternehmensorganisationen.


Guten Morgen, Frau Jasper. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für ein Gespräch mit uns nehmen. Wir wollen das heutige Interview ganz dem Thema Herzgesundheit bei Frauen widmen. Dazu haben Sie im Februar einen spannenden Beitrag auf Ihrem LinkedIn-Profil verfasst, in dem Sie die Bedeutung von Aufklärung und gezielter Therapie für die Herzgesundheit von Frauen betonen…

Ja, das Thema ist mir besonders wichtig, da ich im privaten Bereich die Erfahrung machen musste, dass sich die Symptome eines Herzinfarktes bei Frauen stark von denen bei einem Mann unterscheiden und die Kenntnis darüber bei dieser Zielgruppe verschwindend gering ist. Meine Großmutter hätte damals, als sie selbst davon betroffen war, vielleicht eher einen Arzt aufgesucht, respektive den Notruf gewählt, wäre sie sich der spezifischen Symptome eines Herzinfarkts bei Frauen bewusst gewesen. (Anmerkung SEMDATEX: Über die für Frauen typischen Symptome eines Herzinfarkts lesen Sie hier)

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die häufigste Todesursache bei Frauen in Deutschland. Können Sie erklären, wieso Frauen im Laufe ihres Lebens so eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, von Herzinsuffizienz (HF) betroffen zu sein?

Der Herzinfarkt gilt noch oft als typische Männerkrankheit, dabei sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch bei Frauen Todesursache Nummer 1. Jedes Jahr sterben in Deutschland 19.000 Frauen an einem Herzinfarkt. Insgesamt sterben Männer häufiger daran, aber das Risiko bei Frauen, noch im ersten Jahr nach einem Herzinfarkt an den Folgen zu sterben, ist 1,5-mal höher als bei Männern. Gründe dafür sind die andere Symptomatik, verspätete Diagnostik oder falsche Medikation. Frauen haben zudem mit der Veränderung des Hormonhaushaltes im Zuge der Wechseljahre ein erhöhtes Risiko an Herzinsuffizienz zu erkranken, ergänzend dazu kommen die Mehrfachbelastungen von Arbeit und Familie in unserer westlichen Gesellschaft.

Frauenherzen wurde lange Zeit in der Forschung wenig Beachtung geschenkt. Heute weiß man, dass diese “anders schlagen” – Können Sie erklären, welche Faktoren bei der Herzgesundheit für Frauen besonders berücksichtigt werden müssen? Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede in der medikamentösen Therapie von Herzinsuffizienz?

Frauen haben, bedingt durch den Östrogenabfall nach der Menopause, ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dieses Hormon agiert nicht nur als Geschlechtshormon, sondern auch als Botenstoff zur Regulierung des Blutdrucks und Herzschlages. Viele Faktoren, die insbesondere verstärkt mit Eintritt der Wechseljahre in Erscheinung treten, z.B. Gewichtszunahme, Schlafstörungen und Konzentrationsschwierigkeiten, die wiederum zur Erhöhung des Stresslevels beitragen, können die weibliche Herzgesundheit negativ beeinflussen.(1) Es kann zu vermehrten Fettablagerungen in den Herzkranzgefäßen kommen, da die gefäßerweiternde Wirkung des Östrogens nachlässt.(2)  

Auch im 21. Jahrhundert und trotz vieler neuer Erkenntnisse ist die Mehrfachbelastung und deren Einfluss auf die körperliche Gesundheit noch nicht vollständig akzeptiert. Immer mehr Frauen arbeiten in Vollzeit, bei durchschnittlich immer noch 16% weniger Gehalt im Vergleich zu Männern. Die Geburt eines Kindes ist für den Körper einer Frau ein enormer Kraftakt und kann sogar zu Dissektionen in den Herzkranzgefäßen führen. Des Weiteren haben Frauen nach einem Schwangerschaftsdiabetes – auch wenn sie danach keinen Diabetes Typ 2 entwickeln – ein 40 % höheres Risiko für Herzinfarkte, bei manifestem Diabetes ist das Risiko fünffach höher als bei Frauen ohne Gestationsdiabetes.(3) Die Doppelbelastung durch Care Arbeit und Vollzeitjob kann zu weiteren mentalen Stressfaktoren führen und Einfluss auf die Herzgesundheit der Frau in Form von kardiovaskulären Erkrankungen haben.

Ein wegweisender Schritt zu einem effektiven Gesundheitsmanagement für Frauen ist die zunehmende Relevanz von Gender-Medizin. Im Zuge dessen rückenunterschiedliche Symptome, folglich Diagnosen und therapeutische Behandlungen, bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Fokus. Bisher sind Frauen in wissenschaftlichen Studien zur Behandlung unterrepräsentiert - nur 25% der Studienteilnehmer sind Frauen. Die Auswirkungen vieler (gleicher) Behandlungen und Nebenwirkungen sind jedoch bei Frauen und Männern unterschiedlich.

 

Wie beurteilen Sie die langfristigen Effekte telemedizinischer Betreuung von Frauen mit Herzinsuffizienz, insbesondere im Hinblick auf das Überleben und die Lebensqualität der Patientinnen? Wie können telemedizinische Ansätze dazu beitragen, Krankenhausaufenthalte bei Patientinnen mit Herzinsuffizienz zu reduzieren?

Frauen müssen frühzeitig, am besten schon im Schulalter, darüber aufgeklärt werden, welche geschlechtsspezifischen Symptome bei Herzinfarkten existieren, was zur Vorbeugung zu tun ist und wie im Notfall zu agieren ist. Ebenfalls wichtiger Bestandteil ist die Stressprävention. Wie entsteht Stress, wie kann ich ihn vermeiden und welche Auswirkungen hat er auf die Herzgesundheit? Dazu beitragen können wesentliche gesundheitspolitische Entscheidungsgremien, die die Vorsorgeuntersuchungen von Frauen ab 40 gesetzlich im Gesundheitsversorgungskatalog verankern.

Prävention ist zielführender und kosteneffektiver als heilen. Darüber hinaus ist es wichtig, die Mehrfachbelastungen von Frauen und teilweise noch vorherrschende Diskriminierung von Frauen in vielen Lebensbereichen unserer Gesellschaft aktiv zu minimieren und die Solidarität von Frauen und Männern mit modernen Rollenbildern zu stärken.

Ein wesentlicher und dennoch kaum beachteter Faktor ist die Selbstwirksamkeit – also das eigenverantwortliche Gesundheitsmanagement, dass jede Patientin oder auch Patient mit Unterstützung von Remote Patient Monitoring, die häufig in Programmen von Kliniken und Krankenkassen Anwendung finden, für sich übernehmen kann. Dadurch hat die Patientin die Möglichkeit nach einem Herzinfarkt oder präventiv bei Indikationsstellung einer Herzinsuffizienz die lebensnotwendigen Parameter und Symptome selbst zu überwachen und frühzeitig zu erkennen und im Bedarfsfall den behandelnden Arzt oder Experten in einer Klinik aufzusuchen.

Zusätzlich zu der telemedizinischen Betreuung ist es entscheidend, Behavior Change Techniques (BCT) gezielt anzuwenden, um Frauen bzw. Patient:innen mit Herzinsuffizienz zu motivieren, gesunde Verhaltensweisen wie regelmäßige Bewegung/sportliche Aktivität, Stressabbau und beispielsweise Raucherentwöhnung nachhaltig in ihren Alltag zu integrieren. Dies kann durch personalisierte, digitale Interventionen unterstützt werden, die auf die spezifischen Bedürfnisse und Lebensrealitäten der Patientinnen abgestimmt sind und ihnen helfen, ihre Gesundheitsziele eigenverantwortlich zu erreichen.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Implementierung von Telemonitoring-Programmen für Herzinsuffizienz-Patientinnen, insbesondere in Bezug auf die Akzeptanz und den Zugang zur Technologie?

Eine Herausforderung bei der Implementierung von Telemonitoring-Programmen für Herzinsuffizienz-Patientinnen liegt zum einen in der Bereitschaft der Patientinnen, die Technologie regelmäßig und korrekt zu nutzen. Darüber hinaus stellt auch die Akzeptanz der Technologie sowie die Integration in die Hausarztpraxen eine bedeutende Hürde dar. Auch wenn sich mittlerweile die Patienten immer häufiger über Indikationen und deren Therapieformen informieren und gerne auch bereits mit Smart Watches ausgestattet sind, so ist in der Altersgruppe 70+ immer noch der behandelnde Arzt die erste Vertrauensperson und Ansprechpartner. Auch mit einem immer jünger werdenden Herzinsuffizienzpatientenklientel wird sich diese Sichtweise eventuell nur marginal ändern. Extrem wichtig ist die Aufklärung bezüglich der Vorteile, sowie Anwendungsunterstützung und „Trouble Shooting“. Trouble Shooting bezeichnet in diesem Kontext die Unterstützung der Patienten bei Problemen oder Unsicherheiten in der Anwendung ihrer Therapie oder medizinischer Geräte. Dazu gehört beispielsweise die Klärung technischer Schwierigkeiten oder die richtige Interpretation von Messwerten.

Weiterhin ist es auch Aufgabe der Krankenversicherungen im Rahmen dieser geeigneten Fernüberwachung als Unterstützung und Ergänzung zur medizinischen Versorgung durch einen Arzt diese anzuerkennen und finanziell zu fördern. Die Frage, die sich ebenfalls stellt, ist, was passiert mit den erhobenen Daten, welche Warnsysteme gibt es, und wie und wo werden diese analysiert und ausgewertet. Ein weiterer wesentlicher Faktor im Sinne der Gesundheitsversorgungsstruktur stellt den Ausgleich der Versorgung im urbanen im Vergleich zum ländlichen Bereich dar. Ich komme zurück auf das Beispiel meiner Großmutter, die sich von einer Nachbarin in das nächstgelegene Krankenhaus fahren ließ, das wiederum 20km entfernt war.

Welche Rolle spielt das kontinuierliche Monitoring von Vitalparametern bei der frühzeitigen Erkennung von Verschlechterungen des Gesundheitszustands bei Herzinsuffizienz-Patientinnen?

Eine bereits große und wachsende Rolle, denke ich. Das Monitoring von Vitalparametern wie Herzfrequenz, Blutdruck, Körpergewicht, Pulsfrequenz und Sauerstoffsättigung kann bei Veränderung dieser frühzeitig Warnsignale abgeben.

Der behandelnde Arzt kann durch die Übertragung dieser Werte frühzeitig Anpassung in der Behandlung vornehmen und die Patientin als eigene Gesundheitsmanagerin einsetzen, indem die individuellen Grenzwerte besprochen und definiert und von der Patientin mittels Telemonitoring kontrolliert werden. Mit dieser frühzeitigen Überwachung und daraus resultierenden Behandlungsanpassung sowie Eigenkontrolle können Krankenhausaufenthalte reduziert und die Lebensqualität der Patient:innen verbessert werden.  

Welche aktuellen telemedizinischen Technologien oder Plattformen halten Sie für besonders effektiv im Management von Herzinsuffizienz bei Frauen?

Es gibt bereits einige sehr gute und etablierte telemedizinische Technologien, die das Monitoring  der Vitalparameter undderen Auswertung im Sinne der Behandlung zu einer Verringerung der Mortalität geführt haben. Hier möchte ich auf die Fontane Studie (2013- 2018) verweisen, in der mittels telemedizinischer Plattformen die Mortalitätsrate um 20% reduziert und die Hospitalisierungsrate um 30% verringert werden konnte, bei 1.500 Studienteilnehmer:innen. Ein Auszug: „Eine Algorithmen gestützte Auswertung der Daten erlaubt nach bereits 60 Sekunden eine Aussage über die Risikosituation des Patienten und die Notwendigkeit von Interventionen: Rückruf und Beratung des Patienten, Information des nächstgelegenen Hausarztes/Facharztes in der Peripherie bis hin zum Einsatz eines Rettungshubschraubers im lebensbedrohlichen Notfall.“(4)  

Welche zukünftigen Entwicklungen sehen Sie im Bereich des Remote Patient Monitoring für Herzinsuffizienz, insbesondere mit Fokus auf weibliche Patienten?

Ich zitiere an dieser Stelle sehr gerne die Forderungen der Healthcare Frauen e.V. in ihrer Forderung an die Politik: Gesetzliche Krankenkassen sollten Anreize erhalten, spezifische Präventionsprogramme für Frauen mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen anzubieten, die gezielt auf die besonderen Bedürfnisse und Risiken dieser Gruppe abgestimmt sind. Die Vermeidung von Folgeerkrankungen zählt hier ebenso dazu. Diese Programme könnten einen wichtigen Beitrag zur Verminderung geschlechterbezogener Ungleichheit von Gesundheitschancen leisten, wie es auch § 20 SGB V (1) vorsieht – ein Ziel, das bisher noch unzureichend berücksichtigt wird.

 Ich sehe den Bedarf geschlechtsspezifischer Symptomatiken und Messungen ebenfalls aufzunehmen und diese Analyseergebnisse Patientengerecht aufzubereiten und zu visualisieren. Ergänzend könnte – und das als Bestandteil der Programme von Krankenkassen – Remote Patient Monitoring bereits in der Präventionsphase starten. Quasi in der Phase 0, bevor es zur Herzinsuffizienz kommt. Die Aufklärung über die Risikofaktoren, sowie deren Minimierung, als auch das Erkennen, dass die eigene Gesundheit das allerhöchste Gut ist und man nur in einem gesunden Zustand auch für andere da sein kann, ist essentiell.

 

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!


Quellen:

(1) https://www.bhf.org.uk/informationsupport/support/women-with-a-heart-condition/menopause-and-heart-disease#:~:text=If%20your%20oestrogen%20levels%20fall,risk%20of%20coronary%20heart%20disease.

(2) https://herzstiftung.de/infos-zu-herzerkrankungen/herzinfarkt/anzeichen/herzinfarkt-frauen-symptome

(3) Tobias DK, Stuart JJ, Li S, Chavarro J, Rimm EB, Rich-Edwards J, et al. Association of History of Gestational Diabetes With Long-term Cardiovascular Disease Risk in a Large Prospective Cohort of US Women. JAMA Intern Med. 2017;177(12):1735-42. doi: 10.1001/ jamainternmed.2017.2790

(4) https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Deutlich-weniger-Klinikeinweisungen-durch-Telemedizin-406008.html

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“KI-basiertes Telemonitoring ist die Zukunft”